„Andere Wiese, andere Grashüpfer“: Wie der Hunsrück und Palangka Raya/Kalimantan beim Krisenmanagement voneinander lernen

Andere Länder, andere Herausforderungen – oder wie ein indonesisches Sprichwort sagt: „Andere Wiese, andere Grashüpfer.“ Dass sich hinter diesen Unterschieden jedoch ein enormer Schatz für gemeinsames Wachstum verbirgt, zeigt ein außergewöhnliches und einmaliges Kooperationsprojekt: Der evangelische Kirchenkreis Simmern-Trarbach und die Region Palangka Raya der Evangelischen Kirche in Kalimantan (Indonesien) starteten im Juni 2025 ein zukunftsweisendes Pilotprojekt. Das Ziel: ein echtes Miteinander- und Voneinander-Lernen auf Augenhöhe in den Bereichen Katastrophenschutz, Resilienz und Traumabewältigung.

Nach intensiven online Meetings mit Lerninhalten zum Risikoverhalten, unterschiedlichen Gefahrentypen, Biodiversität, Katastrophenmanagement in Kalimantan und Umweltmanagement der Evangelischen Kirche im Rheinland, folgte nun das erste Treffen in persona: Pfarrerin Edeltraud Lenz und Notfallseelsorgerin Kerstin Ullrich-Schnare reisten als Delegation nach Indonesien, um die Partnerorganisationen live vor Ort zu erleben Dabei wurde auch die Vereinbarung zur Zusammenarbeit (MoU) von der GKE, der VEM und dem Kirchenkreis Simmern-Trarbach in einem feierlichen Gottesdienst unterzeichnet.

Teamspirit im Regenwald und innovative Brandbekämpfung

„Es war unglaublich bewegend, die Menschen nach den vielen Zoom-Meetings endlich persönlich zu treffen“, berichtet Edeltraud Lenz. Vor Ort wuchs das Team schnell zusammen. Dank der engen Vernetzung mit einem Forschungsprojekt der Universität Palangka Raya erhielt die Gruppe exklusiven Zugang zum Sebangau-Nationalpark. In schmalen Booten und über Stege ging es tief in den Regenwald, um die dortige Artenvielfalt – von seltenen Ramin-Bäumen bis hin zu wilden Orang-Utans und Leistenkrokodilen – hautnah zu erleben.

Besonders nachhaltigen Eindruck hinterließ das indonesische Konzept der „Freiwilligen zur Vegetationsbrand-Bekämpfung“. Da die dortigen Torfböden extrem brandgefährdet sind, erhalten Freiwillige aus den Dörfern und Städten aller Altersgruppen und Bildungsstufen eine vierwöchige Ausbildung. Sie lernen, Brände frühestmöglich zu erkennen, Erstmaßnahmen zu ergreifen und den professionellen Katastrophenschutz effizient zu alarmieren und zu unterstützen. „Dieser Ansatz hat uns extrem inspiriert, unsere eigenen Konzepte für eine krisenfeste, resiliente Kirche‘ im Hunsrück völlig neu aufzustellen“, betonen die beiden.

Nachhaltigkeit, Klimaschutz und neue Wege der Traumabewältigung

Beim Katastrophenmanagement setzt die dortige Landeskirche GKE auf die Expertise der christlichen Nicht-Regierungsorganisation Yakomkris, die vorwiegend in Indonesien tätig ist, und Gemeinden im Katastrophenschutz und der Humanitären Hilfe schult. Immer wieder sind es nach Naturkatastrophen die Kirchen vor Ort, die sich für die Menschen in Not einsetzen, indem sie Evakuierte aufnehmen und erste Anlaufstellen für Versorgung, Information und Trost sind

Neben der akuten Nothilfe erlebten die beiden innovative, lokale Lösungen für globale Probleme:

  • Die „Abfallbank“: Da es keine staatliche Müllabfuhr gibt, belohnt dieses privatwirtschaftliche Erfolgsmodell das Abgeben von Wertstoffen direkt mit Bargeld, um Plastikverbrennungen oder Flussverschmutzung zu stoppen.
  • Das „Borneo-Institut“: Eine spezialisierte Saatgutbank sichert die Ernährung der Zukunft, indem sie Nutzpflanzen erforscht und sammelt, die im veränderten Klima optimal gedeihen.

Ein zutiefst prägender Moment war der Besuch einer Gemeinde, die durch Brand und Hochwasser elf Häuser und ihre Kirche verloren hatte. Hier lernten die Seelsorgerinnen ein ganz neues Mindset kennen. „Wie intensiv dort die Aspekte Hoffnung, Gemeinschaft und vor allem Musik in die psychosoziale Notfallversorgung nach Naturkatastrophen einbezogen werden, war für uns eine völlig neue, bereichernde Erfahrung“, so Edeltraud Lenz.

Kultursensible Praxis und Blick auf den Gegenbesuch

Zurück im Hunsrück wird das gewonnene Wissen nun gemeinsam mit den anderen Projektteilnehmer:innen aufgearbeitet. Das Team konzipiert aktuell kultursensible Materialien und Praxis-Leitfäden, die für beide Partner im Alltag wertvoll sind.

Das Projekt, das auf fünf Jahre begrenzt ist, geht mit dem Besuch der indonesischen Teilnehmer:innen weiter: Vom 09. bis 23. August kommt die indonesische Delegation zu Gast in den Hunsrück, um Strukturen des Katastrophenschutzes, der Traumabewältigung und Konzepte im Umgang mit den Folgen des Klimawandels in Deutschland kennenzulernen.