Im Alten Testament sind es die Psalmen, mit denen die Menschen ihre Gefühle in Liedern zum Ausdruck brachten, in den 1970er Jahren werden es die Schlager, mit denen Emotionen in Wort und Klang gefasst wurden. Was liegt also näher, als diese Schlager auch in den Gottesdienst zu integrieren. So wie in Sohren in der evangelischen Kirche zum Thema „Sehnsucht“.
Fernweh, unerfüllte Liebe, große Gefühle. „In Schlagern ist die Sehnsucht ein zentrales Thema, und wir können erleben, welche Emotionen in ihnen stecken“, so die Kirchberger und Sohrener Pfarrerin Karin Heß-Stoffel. Es ist die Sehnsucht, von der gerade die unvergessene und so früh verstorbene Alexandra so innig sang und deren großer Schlager daher auch in Sohren am Beginn stand. Oder der bekannte Zug bei Christian Anders, der nach Nirgendwo fährt und den es gestern noch gar nicht gab. Alles Ausdrücke von Sehnsucht und Wehmut.
„In der Bibel finden wir in den Psalmen sehnsuchtsvolle Worte, genauso aber auch im Schlager. Hanns Dieter Hüsch hat dies in seiner unvergleichlichen Weise zusammengeführt“, betonte der Simmerner Pfarrer Bernd Bazin. Und darum kam ebenso Hüsch im Gottesdienst in Sohren zu Wort mit seinen Psalmen, in denen die biblischen Texte für die heutige Zeit neu erschlossen wurden und dabei mit den Schlagern zu einer Einheit verschmolzen.
„Es ist auch eine Sehnsucht nach Geborgenheit und nach dem Gefühl wie in der kleinen Kneipe in der heimischen Straße, wo bekanntlich, wie Peter Alexander es so schön ausdrückte, das Leben noch lebenswert ist“, gab Pfarrer Bazin zu bedenken. Und so zeigte der Gottesdienst, wie Schlager oft Ausdruck von starken Gefühlen, kleinen Wundern und von großen Wünschen werden können. So wie diese kleine Kneipe, die immer offen und wo jeder willkommen ist.
„Doch oft finden wir diesen Ort nicht, und es gibt nicht immer eine Lösung aller Probleme bei Korn und Bier“, mahnte Bernd Bazin. Da helfe dann oft ein Perspektivwechsel, betonte er. Vielleicht über den Wolken, wo, wie Reinhard Mey es so schön beschreibt, die Freiheit wohl grenzenlos sein muss und alle Ängste, alle Sorgen darunter verborgen bleiben.
Aber es sind ebenso die unerfüllten Wünsche, die Sehnsüchte auslösen. Unerwiderte Liebe wie die von Alice, mit der man Tür an Tür lebte und die nun wegzieht, ohne dass man ihr von den eigenen Gefühlen erzählt hat. Es war Howard Carpendale, der dies in Worte und Töne fasste. Doch: „Unerfüllte Wünsche halten uns auch wach und treiben uns an“, machte die wundervolle Sängerin Nicole Geier in Sohren deutlich. Mit ihrer großen Stimme und gemeinsam mit Sänger Wolf Dobberthin am Keyboard begeisterte sie die Gottesdienstbesucher in Sohren.
Und es wurde deutlich, was Katja Ebstein schon wusste: Wunder gibt es immer wieder und sie können immer wieder geschehen. „Es liegt an uns, dies zu sehen und zu bemerken, sie können täglich passieren, und sie bringen dann neues Leben“, so Nicole Geier, die auch als Lektorin tätig ist. Und dann kann auch noch mit 66 Jahren das Leben neu beginnen. Das sagte nicht nur Udo Jürgens, das sangen auch die Gottesdienstbesucher voller Überzeugung in Sohren.
Vor zwei Jahren hatten Bernd Bazin und der Musiker Wolf Dobberthin erstmals dieses Format der Schlagergottesdienste entwickelt und damit in Simmern und Mengerschied schon für viel Begeisterung gesorgt. Damals war Alexandra Wust als Sängerin dabei. „In diesem Jahr wollten wir diese Gottesdienste auch in der größeren Region mit den Menschen feiern. Und die Reaktionen der Menschen zeigen, dass dieses Format ankommt und auf Zustimmung stößt“, so der Simmerner Pfarrer.
Im Gottesdienst in Sohren war die Begeisterung jedenfalls bei jedem der Schlager zu spüren und zu hören. Es wurde mitgesungen, die Menschen ließen sich mitreißen und entführen in die bunte Schlagerwelt. Schnell war die Gottesdienstzeit vorüber, und sicher hätten viele noch gerne den ein oder anderen Schlager gehört, aber es hieß nach Fürbitten, Vaterunser und Segen dann doch „Gute Nacht, Freunde“. Bis zum nächsten Schlagergottesdienst.
Info: Die nächsten Schlagergottesdienste sind am 23. Juli in der evangelischen Kirche in Biebern, am 10. September in der evangelischen Kirche in Mengerschied, am 17. September in der Friedenskirche in Kirchberg und am 29. Oktober in der evangelischen Kirche in Starkenburg. Jeweils um 18 Uhr.
